Bildung - Ökonomische Bildung

Ökonomische Bildung
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Bildung

Bildung
Was wird unter "Bildung" verstanden?

Johannes Beck schrieb 1994 in seinem Essay "Der Bildungswahn":(1)

"Bildung ist . ein anspruchsvolles Wort." (S. 57) Damit hat er zweifelsfrei Recht. Beck weiter:

"Alle Menschen gehen durch die «Schule des Lebens». Ein jeder schreibt an seinem Curriculum, das sich im Laufe der eigenen Biographie, also in der Zeit, bildet. Wahrscheinlich lernen wir durch die Umstände — die natürliche, soziale und politische Umwelt — mehr als über sie. Wir finden sie vor, ändern uns mit ihnen, ändern sie und kommen so zu unserer eigenen Geschichte. Wir lernen über die Umstände durch Gespräche, Lektüre, Lehrer, Eltern, indem wir analysieren, erklären, nachdenken und begreifen. Diese distanzierenden Tätigkeiten sind selbst prägender Anteil der bildenden Umstände und können über sie hinausweisen." (S. 62)

und

"In den Schulen soll noch immer für ein Leben gelernt werden, das viel zu oft nur versprochen wird. Diese Tatsache macht die alte Frage Schleiermachers von 1826 aktuell: Ob es denn moralisch zu rechtfertigen sei, den Augenblick im Leben eines jungen Menschen der Zukunft zu opfern — vor allem dann, wenn das damit verbundene Versprechen voraussichtlich unerfüllt bleiben wird? Er wollte das Zeitopfer für die Zukunft im gelebten Moment der Gegenwart aufgehoben wissen. Im zweckfreien Spiel können Anstrengung und Entspannung, Ernst und Lust, Inhalt und Form, Lernen, Üben und Können, Satz und Gegensatz in gemeinsamer Tätigkeit versammelt werden. Darin sah Schleiermacher, ähnlich wie Schiller, eine Möglichkeit der Bildung in Freiheit." (S. 70.)

(1) Beck, Johannes (1994): Der Bildungswahn. Orig.-Ausg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl. (Rororo Aktuell Essay, 13421).

Anders als für physikalische Grundbegriffe gibt es für den Begriff „Bildung“ keine einheitliche bzw. ein für alle Mal feststehende Definition. Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung davon. Oftmals werden Wissen, Intellektualität und Kultiviertheit assoziiert, wenn von Bildung die Rede ist. Doch auch die individuelle Persönlichkeit eines jeden Menschen spielt eine große Rolle. Wer von //„Bildung“// spricht, denkt auch schnell an Schule, in der Lehrerinnen versuchen, ihren Schülerinnen das Maß an Bildung zu "vermitteln", das in den jeweils für die einzelnen Schulfächer vorgegebenen Bildungsplänen als angemessen festgelegt wurde. Danach ist Bildung approbiertes Wissen, ist Bildung Lernen und Lehren, ist Bildung Kenntnis und Erkenntnis. Doch das ist längst nicht alles, was Bildung ausmacht.

In Fachkreisen gilt Wilhelm von Humboldt als unbestrittener „Urvater“ der zeitgenössischen Auffassung von Bildung. Humboldt führte Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhundert die weitreichendste Bildungsreform des deutschen Sprachraumes durch. Er definierte Bildung als

„die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“.

Mein Bildungsbegriff (Klaus Jürgen Bönkost)

„Bildung umfasst das kritische und selbstreflexive Bemühen, in respekt- und würdevoller Auseinandersetzung mit anderen Menschen die Fähigkeit zu erlangen, das jeweils Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden zu können. Sich in diesem Bemühen stets der beschränkten Wahrnehmungsfähigkeit der menschlichen Sinne bewusst zu sein, um keine vermeindlich endgültigen Wahrheiten zu übernehmen und nie die Neugierde aufzugeben, sich weiter auf dem Wege zu sich selbst so wie zur materiellen/physischen, kulturellen und sozialen Umwelt zu begeben mit dem Ziel, in historischem Bewußtsein einen wie auch immer gearteten individuellen Beitrag i.w.S. zur Entwicklung einer lebenswerten Zukunft (Nachhaltigkeit) für alle leisten zu können."

Mein Bildungsbegriff enthält sowohl rationale als auch gefühlsgerichtete Aspekte und nur gemeinsam konstituieren sie Bildung. Denn Ratio allein lässt den Menschen und sein Erkenntnisvermögen unvollkommen sein. Auch die so oft zu Recht erwähnte große Bedeutung der individuellen Erfahrungen (Stichwort: "Erfahrungswissen") wird relativiert, wenn wir uns bewusst machen, dass Erfahrungen nichts anderes sind als über einen längeren Zeitraum akkumulierte Gefühle. Mein Bildungsbegriff geht auch über den von Humboldt hinaus, weil er das Individuum mit seiner Persönlichkeit auch auf die Mitmenschen und Zukunftsgestaltung bezieht.
"Über das deutsche Bildungssystem und seine Mängel reden - das heißt, sich über die Gesamtsituation Deutschlands in der modernen Welt klarwerden."

Giselher Wirsing, in: Picht, Georg (1964): Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter-Verlag AG, S. 11.
Die Sozialisationsfunktion der Schule kennzeichnete Klaus-Jürgen Tillmann wie folgt:

"(i) Die offiziellen Erziehungsziele der Schule stehen im Gegensatz zu ihrer realen gesellschaftlichen Funktion; denn es ist Aufgabe der Schule im Kapitalismus, die Schüler zur Akzeptierung kapitalistischer Herrschaftsstrukturen und zur Übernahme entsprechender systemkonformer Verhaltensweisen zu führen.

Dieser erste Teil der zentralen These beschreibt die Funktion der Schule im Kapitalismus und enthält damit Aussagen auf zwei Ebenen: Es wird behauptet,
  • daß sich die Gesellschaft der BRD treffend als kapitalistische Klassengesellschaft kennzeichnen läßt und
  • daß sich in einer solchen Gesellschaft die Sozialisationsfunktion der Schule mit den Begriffen »Akzeptierung kapitalistischer Herrschaftsstrukturen« und »Übernahme systemkonformer Verhaltensweisen« richtig und hinreichend kennzeichnen läßt."

Tillmann, Klaus-Jürgen (1976): Unterricht als soziales Erfahrungsfeld. Originalausg. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag (6305), S. 32.

Stephan Bundschuh's These 1: Bildung ist durch ihre gesellschaftliche Funktion bestimmt

"Der aktuelle Bildungsdiskurs in der Bundesrepublik Deutschland und Europa entspringt der Transformation der europäischen Gesellschaft durch die neoliberale Wende, die mit dem Thatcherismus seit Mitte der 1980er Jahre in Großbritannien begann. Ziel ist nicht nur der quantitative Ausbau der Bildung (d. h. die Vermehrung höherer Bildungsabschlüsse), sondern auch ihre qualitative Veränderung. Die erwünschte Bildung hat die Bedarfe der neoliberalen Gesellschaft zu erfüllen. So heißt es in der jüngsten Studie der Robert-Bosch-Stiftung zur europäischen Jugendarbeitslosigkeit: „Für einen Teil des angebotenen Humankapitals innerhalb der jungen Generation haben die Arbeitgeber keinen Bedarf. Die Bekämpfung solcher Ungleichgewichte erfordert eine Modernisierung der Bildungs- und Ausbildungssysteme. Ein wesentliches Element hierbei ist, die Unternehmen stärker an Bildungs- und Qualifizierungsprozessen zu beteiligen.“ (Robert Bosch Stiftung 2014, 10) Eine Empfehlung lautet dementsprechend, „stärker praxisbezogene Lehrpläne an Universitäten“ (Robert Bosch Stiftung 2014, 11) zu entwickeln. Praxis bedeutet hier berufliche wirtschaftliche Praxis, Beschleunigung der Produktion zur Bewahrung der bestehenden kapitalistischen Struktur, nicht aber Praxis als die soziale Welt in Richtung Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit veränderndes Handeln. Der aktuelle Bildungsdiskurs fasst in seinem Hauptstrom Bildung als Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen, es dominiert der pragmatische Verstand der Einpassung."

Bundschuh, Stephan (2014): Kritik der Bildung - Bildung als Kritik. Sechs Thesen. In: IDA NRW | Zeitschrift des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen 20 (4), S. 3. Online verfügbar unter http://www.ida-nrw.de/cms/upload/Ueberblick/Ueberblick_4_14.pdf.

Bildung ist nicht mit Wissenstransfer zu verwechseln

  • "Unterricht kann zwar äusserlich gesteuert werden, wir haben es aber bei den Erkenntnisvorgängen mit komplexen, selbstorganisierenden Phänomenen zu tun." (Henk Goorhuis in der Zeitschrift Vom Teilen des Wissens. Wege zur lernenden Universität (1998) im Text Viel mehr als die Summe der Teile auf Seite 11)
  • "Aus der konstruktivistischen Perspektive ist es eine Illusion, dass Sprache an und für sich die Fähigkeit habe, Begriffe und somit Wissen von einer Person zu einer anderen zu übermitteln." (Ernst von Glasersfeld im Buch Wege des Wissens (1997) im Text Aspekte einer konstruktivistischen Didaktik auf Seite 166)
  • "Lernen ist im systemischen Verständnis keine reine Wissensaufnahme, sondern eine Wechselwirkung zwischen Mensch und Sache, zwischen Lehrenden und Lernenden, zwischen Theorie und Praxis - oder erweitert auch zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Innenwelt und Aussenwelt - schliesslich zwischen Individuum und Universum." (Henk Goorhuis im Text Systemische Ansätze im Bildungswesen)
  • "Another common belief is that learning is the same as knowledge transfer. The idea which comes with it, is that it is enough to make knowledge available to learners according to some pedagogical structure. However, providing adequate knowledge is not enough: it has to be learned. It is this learning process that is the process we are putting at the center when we discuss instructional design or learning design, and not the knowledge it works on." (Rob Koper im Text Modeling units of study from a pedagogical perspective (2001))
  • "Wissen ist nicht wie das Wasser in der Wasserleitung. Wissen ist nur, was man sich angeeignet hat. Die uns verprochene Cassette von der Größe einer Zigarettenschachtel, auf der das Wissen der gesamten Welt unterzubringen sei, werde ich mir, wenn sie im Laden zu haben ist, kaufen, um sie genußvoll in den nächsten Gully fallen zu lassen. Der Genuß wird darin bestehen, daß ich in dem Augenblick beweise, daß die Welt nichts, aber auch gar nichts verliert, wenn dieser "materialisierte Geist" verschwindet. Hat sie nichts daran verloren, kann sie auch nichts daran gewonnen haben." (Hartmut von Hentig im Buch Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit (1984) im Text Welchen Wandel wird die Zunahme von Computertechnik und Telekommunikation in der Gesellschaft bewirken - vor allem für das Aufwachsen in ihr? auf Seite 69.

Alle Zitate am 22. April 2011 entnommen von dieser Internetpräsentation: http://beat.doebe.li/bibliothek/a00054.html
In seinem 1904 veröffentlichten Beitrag „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ kommt der bekannte deutsche Soziologe Max Weber zu folgendem Ergebnis:

„Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung ist ein ungeheurer Kosmos, in den der einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist. Er zwingt dem einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf. Der Fabrikant, welcher diesen Normen dauernd entgegenhandelt, wird ökonomisch ebenso unfehlbar eliminiert, wie der Arbeiter, der sich ihnen nicht anpassen kann oder will, als Arbeitsloser auf die Straße gesetzt wird. Der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus also erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte – Unternehmer und Arbeiter – deren er bedarf.“

Weber, Max; Ulfig, Alexander (2006): Religion und Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Frankfurt am Main: Zweitausendeins, S. 40.
Titel eines Vortrags von Prof. Andreas Gruschka
"Das Gymnasium: Kompetenzzentrum oder Bildungsanstalt?"
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